Behältermanagement in der modernen Logistik: „Idealerweise lassen sich Standardverpackungen individualisieren“

Foto: Privat       Das Behältermanagement ist ein zentraler Bestandteil der Logistik. Im Interview informiert Klaus-Jürgen Meier, Leiter des Instituts für Produktionsmanagement und Logistik sowie Professor an der Fakultät für Wirtschaftsingenieurswesen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München, über die aktuelle Situation und brachliegende Potenziale. Der Experte favorisiert individualisierte Standardverpackungen und wünscht sich mehr offene Kreisläufe. Die Unternehmen sollen „smarte“ Wege gehen und die Technologien der Industrie 4.0 nutzen.

Welche sind Ihrer Meinung nach die Megatrends der Logistik?

Das Thema Globalisierung ist seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren brandaktuell und hält die Wirtschaft und die Logistik in Atem. Selbst „Störfaktoren“‘ und abschottende Maßnahmen, wie zeitweise durch China, US-Präsident Trump oder den Brexit verursacht, können den Trend nicht umkehren. Alle sind auf das Internet angewiesen und niemand kommt mehr um Digitalisierung oder Vernetzung herum. Die Industrie 4.0 steht vor der Tür und ist in manchen Bereichen sogar schon in vollem Gange. Allerdings herrscht bei einigen Unternehmen auch noch viel Unwissenheit. Welche Wirtschaftszweige/Branchen haben Nachholbedarf hinsichtlich effizienter Logistik, speziell auch beim Behältermanagement? Die Möbelindustrie hat häufig immer noch große logistische Probleme. Generell gibt es den Nachholbedarf aber eher bei einzelnen Unternehmen und nicht bei ganzen Wirtschaftszweigen. Eine positive Vorzeigebranche hinsichtlich der Logistik ist die Automobilindustrie. Doch auch hier sind die Unterschiede zwischen den Unternehmen groß.

Brauchen wir im Bereich der Kunststoff-Ladungsträger mehr Standardisierung oder mehr individuelle Verpackungslösungen?

In der Lagerung gewährleisten wir durch immer mehr Standardisierung eine optimierte Raumnutzung und -auslastung. Zudem ergeben standardisierte Lösungen auch im Transport sehr viel Sinn, da sie zahllose Prozesse erleichtern. Trotzdem werden individuelle Verfahren und Systeme immer notwendig sein. Etwa im Bereich Schutzanforderung bergen individuelle Verpackungen großes Potenzial, doch Standards sind auch hier möglich. Idealerweise lassen sich Standardverpackungen individualisieren, d. h. Einzellösungen werden mit Standardgrößen und -formen verbunden. Stets muss die Anwendung betrachtet werden.

Wo konkret gibt es logistisches Optimierungspotenzial?

Als Vorbild dient die Kreislaufwirtschaft bei Euro-Paletten. Das bestehende Behältermanagement ist schon gut, könnte jedoch optimiert werden. Häufig werden Ladungsträger mit firmenspezifischen Maßen verwendet, die geschlossene Kreisläufe nur zwischen Kunde und Lieferanten ermöglichen. Das ist vornehmlich bei großen OEMs (Original Equipment Manufacturers) wie im Automobilbereich zu beobachten. Doch die rein innerbetrieblichen Lieferketten stellen zugleich ein Hemmnis dar, denn sie verhindern den übergreifenden Austausch auf großer Bühne und blockieren offene Kreisläufe. Viele Unternehmen könnten weitere Potenziale ausschöpfen und beispielsweise ihre Beschaffungsstrategie überarbeiten.

Wird der Beitrag der Transportverpackungen aus Kunststoff für die Logistik unterschätzt? Welche Eigenschaften sind am wichtigsten?

Kunststoffladungsträger sind weit verbreitet. Sie sind besonders wegen der Formgebung des Materials und wegen des Warenschutzes vorteilhaft und anerkannt. Die Alternativen aus Blech, Holz oder Wellpappe werden ganz anders eingesetzt. Je nach Ausführung eignen sie sich weniger gut für den Transport und die Lagerung von Lebensmitteln oder Ähnlichem. Der Kunststoffverpackung macht es nichts aus, wenn sie feucht wird, so manchem Holzladungsträger schon. Darüber hinaus können innerhalb von Transportverpackungen aus Kunststoff viele ergänzende Materialien und Instrumente leicht eingebaut werden, beispielsweise Sensoren für die Temperaturmessung. In Sachen intelligente Behälter gibt es fast unendliche Möglichkeiten. Ob sich bestehende Kunststoffe zukünftig durch einfacher recyclingfähige Materialen ersetzen lassen, müssen die Materialstoffexperten klären.

Stichwort „Internet of things“ – wann kommt der flächendeckende Einsatz „mitdenkender“ Ladungsträger?

Eine genaue Prognose zu stellen, ob das Internet der Dinge den Markt wirklich revolutionieren wird, ist schwierig. Bereits seit 2011 existiert die Industrie 4.0, allerdings ist sie noch nicht flächendeckend verbreitet. Den Anwendern muss deutlich gemacht werden, welche gigantischen Möglichkeiten intelligentes Behältermanagement mit sich bringt. Bisher schrecken viele Unternehmen noch zurück, weil sie bis dato gut und einfach mit ihren Abläufen und Barcodes fahren und weil sie die Anschaffungskosten intelligenter Behälter scheuen. Auf lange Sicht bieten diese allerdings Einsparungspotenziale – etwa wenn kostenintensive Lagerverwaltungssysteme überholt werden können oder erst gar nicht entwickelt werden müssen. Solche Optionen sind besonders für neu gegründete oder kleine Unternehmen attraktiv. Selbstorganisierte Ladungsträger können mit einer Maschine kommunizieren und ihr sagen, welche Programme durchgeführt werden müssen. So besteht die Möglichkeit, dass sie Bestellungen von sich aus triggern, Auftragsdaten automatisiert übermitteln und beispielsweise Kommissionierer durch verkürzte Kommunikationsketten direkt ans Ziel führen. Auch hier sind wieder Standards und unternehmensübergreifende Kreisläufe gefragt. Die grundlegenden Technologien für die Smart Factory sind verfügbar – man muss sie nur anwenden.

Mehrweg-Verpackungen aus Kunststoff sind für die Logistik unverzichtbar und vergleichsweise umweltfreundlich. Allerdings hat Kunststoff heute ein grundsätzliches Imageproblem.

In der öffentlichen Debatte geht es häufig um den Kunststoffeintrag in die Meere. Auslöser dafür sind Unternehmen und der Mensch sowie ihr Umgang mit Abfall. Der negative Eindruck entsteht durch ihre Verhaltensweisen und auch durch die wenig transparenten Organisationsformen der Abfall- und Entsorgungsgesellschaften. Produzierende und logistische Unternehmen hingegen sind meiner Ansicht nach vielfach bereits gut sensibilisiert. Doch natürlich gibt es immer Luft nach oben, was Verbesserungen angeht. Es muss im Bewusstsein der Akteure und Nutzer in der Wirtschaft verankert sein, wie sinnvoll es ist, langlebige Kunststoffbehälter im Logistikkreislauf mehrfach zu verwenden. Nichtsdestoweniger sollte die Entwicklung neuer alternativer und umweltschonender Materialien vorangetrieben werden.