Digitale Supply Chains: Wer ist Vorreiter, wer hinkt hinterher?

Computerplatine mit Aufschrift Supply Chain
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Die digitale Lieferkette erlaubt detaillierte Einblicke in den gesamten Lieferprozess. Unternehmen können damit Transport- und Fertigungsrisiken antizipieren und Kosten reduzieren. Eine vollständige digitale Supply Chain amortisiert sich aber nicht nur durch Einsparungen bei den Kosten, sondern auch bei Ressourcennutzung, Zeitbedarf und den Umweltbelastungen. Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, auf welchem Stand ausgewählte Branchen wie Automotive, Handel, Getränke- und Lebensmittelindustrie bei der Verwirklichung der digitalen Lieferkette sind.

Das Web optimiert den Lieferprozess

Im Idealfall verfügt eine digitale Supply Chain über Prozesse, mit denen sich die Bestände, die Interaktionen mit den Kunden sowie die Standorte der Transporteinrichtungen und -geräte live überwachen lassen. Dank dieser Informationen können Planung und operatives Management effizienter gestaltet werden.

Für den Betrieb einer komplett digitalen Supply Chain sind viele Technologien erforderlich. Dazu zählen z. B. GPS, RFID, Barcodes, Smart Labels, standortbasierte Datenauswertung und Netzwerke mit WLAN-Sensoren. Außerdem kommen Cloud-Technologien zum Einsatz, die mit eigenen Webservices eine einheitliche Plattform bilden.

Achtung: Für den Aufbau einer digitalen Supply Chain ist eine umfassende Strategie Voraussetzung. Diese muss sich nahtlos in die gegebene Organisationsstruktur, in Betriebsabläufe, Systeme, in die physische Infrastruktur und in Geschäftsprozesse einfügen. Wird das nicht beherzigt, sind Datenredundanz und Mehraufwand das Ergebnis.

Automobilindustrie: viel Aufwand, aber wenig Kostentransparenz

Automobilunternehmen betreiben im Vergleich zu anderen industriellen Branchen den größten Aufwand, wenn es um die Digitalisierung ihrer Lieferkette geht. Schaut man auf die Kosten, haben sie jedoch den schlechtesten Durchblick. Dies sind Ergebnisse der aktuellen Studie „Supply Chain Management in Industrieunternehmen 2019“ der Beratungsgesellschaft Emporias, für die 100 Logistikmanager von Industrieunternehmen ab 500 Mitarbeitern befragt wurden.

Automobilhersteller und ihre Zulieferer verfügen über große Lieferantennetzwerke. Gleichzeitig sind die Produktvarianten vielfältig, was die ohnehin steigenden Transportkosten weiter in die Höhe treibt. Die Mehrheit der Logistikmanager aus Automotive-Unternehmen ist laut der Studie überzeugt, dass diese Kosten durch eine Optimierung der Supply Chain deutlich gesenkt werden könnten.

„Die Digitalisierung der Supply Chain ist kein Garant dafür, dass die Logistikkosten auch besser gesteuert werden“, sagt Oliver Ohlen, Geschäftsführer von Emporias. „Unsere Studie zeigt, dass es gerade im Automotive-Bereich häufig bei der Datenverarbeitung hakt. Es fehlt an Rechenmodellen, die die Gesamtkosten der komplexen Lieferanten- und Transportsysteme inklusive ihrer Abhängigkeiten untereinander wirklich sichtbar und verrechenbar machen.“

Neun von zehn befragten Managern des Automobilsektors berichten, dass logistische Stammdaten in ihrem Unternehmen nicht vollständig oder nicht aktuell genug vorliegen. Drei Viertel geben zudem an, dass vorliegende digital erfasste Daten, etwa von Lieferanten und Dienstleistern nicht richtig weiterverarbeitet und für Optimierungen genutzt werden. Eine große Mehrheit der Studienteilnehmer aus dem Automobilbereich hält daher auch die aktuell im Controlling eingesetzten Systeme zur Abbildung der eigenen Supply Chain für ungeeignet.

Dem Handel wird ein Umsetzungsproblem bescheinigt

Im Einzelhandel können verspätete Lieferungen zu Ausfällen und verärgerten Kunden führen. Abgeräumte Regale wirken sich direkt auf den Umsatz aus und treiben die Kunden zur Konkurrenz. Darüber hinaus sind die Mitarbeiter in den Geschäften häufig für diverse Aufgaben verantwortlich, zum Beispiel für das Entladen von LKW, das Einräumen neuer Waren in die Regale und die Kundenberatung. Durch genaue ETA (estimated time for arrival) aller eingehenden Lieferungen kann das Personal den Arbeitsablauf effizienter planen. Außerdem gibt es die Chance, andere Produkte in den Regalen zu platzieren, wenn Verzögerungen auftreten und für ein bestimmtes Produkt kein Lagerbestand vorhanden ist.

Christopher Meinecke, Leiter Digitale Transformation beim Digitalverband Bitkom, rät im Interview mit dem handelsjournal jedem, der für sein Geschäft Waren transportiert, sich mit den Möglichkeiten digitaler Technologien wie Künstliche Intelligenz ( KI) oder Blockchain zu beschäftigen und Erfahrungen zu sammeln. Es gehe nicht allein darum, die bisherigen Abläufe effizienter zu gestalten, sondern um völlig neue Geschäftsmodelle. Der Handel habe bei der Digitalisierung der Logistik, wie viele andere Branchen auch, kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Meinecke nennt ein Beispiel: Drei Viertel der Unternehmen, die Waren transportieren, glauben, dass Plattformanbieter in zehn Jahren bedeutende Player in der Logistikbranche sein würden. Dennoch sagt jeder Dritte, dass digitale Plattformen für das eigene Unternehmen aktuell kein Thema sind und jeder Vierte gibt an, dass Plattformen gerade erst diskutiert werden. Der wichtigste Rat für den Einzelhandel lautet deshalb: Nicht abwarten, sondern machen!

Die Initiative ergriffen hat zum Beispiel die REWE Group, die die Digitalisierung im Handel als Herausforderung und Chance zugleich“ ansieht. „Neue Technologien ermöglichen komplett neue Handelssysteme, die wiederum neue Logistiksysteme erfordern“, sagte Christoph Eltze, Vorsitzender der Geschäftsführung von Rewe Digital. Der Lebensmittelhandelskonzern setzt auf Automatisierung der Lagerprozesse und hat in Köln ein neues Food-Fulfillment-Center in Betrieb genommen. Die Kommissionierung erfolgt dort nach dem Ware-zu-Person-Prinzip – in Zukunft sollen auch Roboter zum Einsatz kommen.

Getränkeindustrie mit Nachholbedarf

Die digitale Transformation macht auch vor der Getränkebranche keinen Halt. Sowohl Hersteller als auch der (Groß-) Handel als Akteure in der Getränke-Supply-Chain werden mit veränderten Anforderungen konfrontiert, sei es durch das Auf und Ab von Einwegverpackungen, die zunehmende Artikelvielfalt, gestiegene Display-Anforderungen oder auch vermehrte Exporttätigkeiten der Hersteller. Nach Einschätzung von Logistikexperten gibt es in der Branche nur einen vergleichsweise geringen Grad der Automatisierung in der Lagertechnik. Bezüglich der IT müsse festgestellt werden, dass der derzeitige Durchdringungsgrad von IT-Lösungen in der deutschen Getränkelogistik im Vergleich zu anderen Industrien noch relativ gering sei. Lagerverwaltungssysteme (LVS bzgl. WMS) zeigen mit 58 Prozent die höchste Durchdringung, während sich andere abgefragte Systeme wie Rampensteuerungssystem, Staplerleitsystem oder Demand Planning & Forecasting deutlich seltener im Einsatz befinden.

Konkret in der Brauwirtschaft bietet sich ebenfalls noch reichlich Vernetzungspotenzial, die "Brauerei 4.0" mit voll digitalisiertem Lieferkettenmanagement ist Zukunftsmusik. Aber wie funktioniert eine solche, digitalisierte Supply Chain für Bier oder andere Getränke? Im Mittelpunkt steht der digitale Leitstand für logistische Prozesse in der Distribution, der es ermöglicht, alle Partner entlang der Transportkette in Echtzeit zu verknüpfen, eine transparente Lieferkette zur besseren Zusammenarbeit zu schaffen und den Verantwortlichen maximale Steuerung zu bieten. Die optimierte Lieferkette hilft den Brauereien, ihren Kundenservice zu verbessern und Kosten zu reduzieren, um so konkurrenzfähig zu bleiben.

Lebensmittelindustrie „topaktuell aufgestellt“

Schon heute nutzen zwei von drei Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie digitale Anwendungen, so ergab es kürzlich eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom. Und die Branche sieht die Digitalisierung als Lösung für ihre Herausforderungen.

Lebensmittel aus dem 3D-Drucker, intelligente Verpackungen zur Überprüfung der Haltbarkeit und die digitale Rückverfolgung der Produkte vom Teller bis zum Acker: Bereits während der kommenden zehn Jahre wird sich die Lebensmittelindustrie radikal verändern. Das ist das Ergebnis der repräsentativen Umfrage unter mehr als 300 Unternehmen der Ernährungsindustrie im Auftrag von Bitkom und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Demnach prognostizieren zwei Drittel der Unternehmen (68 Prozent) eine hundertprozentige Rückverfolgbarkeit bis zum Warenursprung dank digitaler Technologien wie Big Data oder Blockchain. Auch Lebensmittel in der Losgröße 1, also individuell für den Verbraucher produziert, sehen zwei Drittel (65 Prozent) als verbreitetes Szenario im Jahr 2030. Knapp jedes zweite Unternehmen meint, dass der Verbraucher mittels intelligenter Lebensmittelverpackungen die Haltbarkeit überprüfen kann (46 Prozent). Die große Mehrheit der Ernährungsindustrie (84 Prozent) sieht die Digitalisierung als Chance. Beklagt werden allerdings auch Hürden auf dem Weg dorthin wie der Mangel an Fachkräften oder hohe Investitionskosten.

„Die Ernährungsindustrie ist bereits heute technologisch topaktuell aufgestellt", urteilt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Und Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, sagt:  „Mit Robotik, Big Data oder Blockchain wird die Branche nicht nur ihre Geschäftsprozesse weiter optimieren, sie steht vor einer echten Revolution." Die Digitalisierung in der Lebensmittelproduktion werde nicht bei der Landwirtschaft aufhören, denn sie bringe für Unternehmen der ganzen Produktions- und Verarbeitungskette und auch für die Verbraucher ganz neue Dimensionen mit sich, etwa in Sachen Lebensmittelsicherheit.

Fazit

Die Digitalisierung der kompletten Supply Chain ist eine Mammutaufgabe, für die es Zeit braucht. Die Unternehmen der oben betrachteten Branchen haben die damit verbundenen Potenziale erkannt, aber bei der Umsetzung klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch auseinander. Nur ein kleiner Teil der Unternehmen hat bereits die Umsetzung der Digitalisierung entlang der gesamten Lieferkette gestartet.